
† 14.05.1889 in Chicago/USA
Vater: Joseph (Salomon) Hirsch
Mutter: Sara, geb. Gottlieb
Biografie
Nach dem Besuch der jüdischen Elementarschule in Thalfang und der „Jeschiwa“ (Talmudschule) in Metz (1828) und Mainz (1830) studierte Samuel Hirsch an den Universitäten Bonn (1835-1837) und Berlin (1837-1838) Philosophie und Theologie. Dort traf er wohl mit Karl Marx zusammen und befreundete sich mit dem Religionshistoriker Leopold Zunz. 1839 übernahm Hirsch das Amt des Landesrabbiners von Anhalt-Dessau in Dessau für zwei Jahre zur Probe; Hebräischunterricht hatte er schon ab 1818 bei Simon Scheuer erhalten. Gleichzeitig wurde er Hauslehrer der herzoglichen Familie in Dessau.
Eine Bewerbungspredigt in Essen war 1840 erfolglos. 1841 wurde Hirsch nach heftigen Auseinandersetzungen aus seinem Rabbineramt entlassen. Ein besonderer Zankapfel war der 1842 erschienene erste Band seiner auf neun Bände geplanten Reihe „Religionsphilosophie der Juden“, mit dessen erstem Kapitel er im gleichen Jahr an der Universität Leipzig zum Dr. phil. promovierte. Obwohl nur dieser erste Band der Reihe erschien, begründete er Hirschs Ruhm als Religionsphilosoph. Am Ende eines Evolutionsprozesses erhoffte er die Vereinigung von Christentum und Judentum zu einer gemeinsamen Humanitätsreligion.
1843 wurde er vom holländischen König Wilhelm II. zum Großrabbiner des Großherzogtums Luxemburg berufen. Auf den deutschen Rabbinerversammlungen 1844 und 1845 vertrat Hirsch eine radikale Reformausrichtung des Judentums, verteidigte aber die Beschneidung und den Gebrauch der hebräischen Sprache. 1856 gab er einen Katechismus der israelitischen Religion für Luxemburg heraus. Besonders engagierte er sich seit 1843 in der Freimaurerloge und plädierte für die allgemeine Öffnung aller Freimaurerlogen für Juden. 1845 heiratete er Louise geb. Micholls aus Hamburg, mit der er vier Kinder hatte (Heinrich Naphtali, * 1846, † 1901, Jacques Jules, /† 1847, Edouard, * 1849, † 1911, und Gustav Gottlieb Emil, * 1851, später Rabbiner in Baltimore und Chicago, † 1923).
1866 erfolgte der Ruf zum Vorsteher der jüdischen Reformgemeinde „Keneseth Israel“ in Philadelphia/USA. Dort gründete Hirsch die „Orphan’s Guardian Society“ sowie den amerikanischen Zweig der „Alliance Israélite Universelle“. Als Vorsitzender der ersten Konferenz der amerikanischen Reformrabbiner 1869 in Philadelphia hatte er großen Anteil an der Formulierung der Grundsätze des Reformjudentums. Nach 22 Jahren wurde er 1887 pensioniert und zog 1888 zu seinem Sohn Emil Gustav nach Chicago, wo er bald darauf starb. Zwei Jahre später errichtete die Sinai Congregation ihm zu Ehren ein imposantes Denkmal mit einem riesigen Obelisken.
Samuel Hirsch repräsentierte, inspiriert durch das in seiner Jugend im Hunsrück erlebte tolerante Zusammenleben der Juden und Christen, eine extreme Form der Religionsversöhnung und des Reformjudentums, indem er zwischen einem „ideellen Kern“ und einem veränderbaren „äußerlichen Ritus“ unterschied. So kämpfte er für die Einführung des Sonntagsgottesdienstes und war der Ansicht, Jesus habe die „Idee des Judentums in seiner innersten Tiefe und Wahrheit gefasst, erfüllt und verwirklicht“ (Monz).
Bedeutende Werke sind u.a. Friede, Freiheit und Einheit. Sechs Predigten, gehalten in der Synagoge zu Dessau (1839), Die Religionsphilosophie der Juden (1842), Das Judenthum, der christliche Staat und die moderne Kritik: Briefe zur Beleuchtung der Judenfrage von Bruno Bauer (1843), Die Messiaslehre der Juden in Kanzelvorträgen (1843), Die Reform des Judentums und dessen Beruf in der gegenwärtigen Zeit (1844), Systematischer Katechismus der israelitischen Religion (1856) und Die Humanität der Religion (1858).
Quellen / Literatur
- Elmar P. Ittenbach, Samuel Hirsch, Berlin 2014 (Jüdische Miniaturen. Bd. 151).
- Heinz Monz, Samuel Hirsch (1815-1889. Ein jüdischer Reformator aus dem Hunsrück, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 17 (1991), S. 159-180.
- Hans-Joachim Schoeps, Samuel Hirsch, in: Neue Deutsche Biographie (NDB) 9 (1972), S. 219f.
Dr. Achim R. Baumgarten, Simmern
Heft 156 | Stand: 7/2014
