Kahn, Albert

Foto Albert Kahn: Courtesy Archiv AKA, Detroit
* 21.03.1869 in Simmern
۞ 08.12.1942 in Detroit (USA)
Vater: Joseph Kahn (Rabbiner)
Mutter: Rosalie Kahn

Biografie

Unter den hoffnungsvollen Auswandern in eine bessere Neue Welt befand sich Ende des 19. Jahrhunderts auch eine jüdische Familie aus dem Dorf Rhaunen im Hunsrück, deren ältester Sohn Albert der wohl bedeutendste Industriearchitekt der Moderne wurde. Am 21. März 1869 als erstes von sechs Kindern geboren, beschloss die jüdische Familie im Jahre 1880 aufgrund wirtschaftlicher Probleme ihr Glück bei Verwandten in den Vereinigten Staaten von Amerika zu suchen. Der Vater, Joseph Kahn, fand in Detroit, Michigan, keine geeignete Stelle als Rabbi und musste seine Familie u.a. als wandernden Obsthändler ernähren.

Albert hatte schon mit elf Jahren verschiedene Jobs annehmen müssen. Unter Vermittlung des Bildhauers Julius Melcher bekam Albert Khan eine Stelle als Lehrling im Architekturbüro von Mason & Rice in Detroit. 1891, nach einem einjährigen Studienaufenthalt in Westeuropa, wurde Albert Kahn „Chief Designer“ im Büro von Mason & Rice. 1896 machte sich Albert Kahn mit den Teilhabern A. Trowbridge und G. Nettleton schließlich selbständig, im gleichen Jahr heiratete er Ernestine Krolik, Tochter eines Trockengutverkäufers. Die Büropartnerschaft dauerte bis 1900, die darauf folgende mit Ernst Wilby bis 1918. Von 1904 bis zu seinem Tod am 8. Dezember 1942 führte Kahn über 2000 Fabriken weltweit aus. In einem Büro mit Mitte der 30-er Jahre über 450 Mitarbeitern waren auch die jüngeren Brüder Julius, Moritz und Louis spätere Partner von „Albert Kahn Associates“.

Es darf angenommen werden, dass Albert Kahn die gegen Ende des 19. Jahrhunderts neuen Stahlbeton-Bauweisen von Hennebique und Ransome, aber auch die Arbeiten des Lizenznehmers Moniers in Chicago, L.G. Heidenreich, geläufig waren. Kahns Bruder Julius entwickelte die grundlegenden europäischen und amerikanischen Stahlbetontechniken mit über 75 Patentanmeldungen weiter, besonders erfolgreich war die als „Kahnträger“ verbreitete Schubbewehrung für weitgespannte hochbelastete und feuersichere Deckenträger im Industriegeschossbau. Diese Aspekte waren bei den Investoren der Anfang des 20. Jahrhunderts aufkeimenden Automotive Industrie rund um Detroit begehrt, und wurden von Kahn bereits im Jahre 1903 zur Konstruktion von mehrgeschossigen Automobil-Fabriken für die Packard Motor Car Company, wie Packard No. 10 in Detroit eingesetzt.

Diese fortschrittlichen Skelettstrukturen aus Stahlbeton boten durch den Einbau großer Glasflächen auch großzügigen Einfall von Tageslicht in die Gebäudetiefe. Deren ornamentlose, wirtschaftlich wie architektonisch kompromisslose äußerste Radikalität einer „Haut und Knochen“-Zweckarchitektur dürfte Henry Fords Aufmerksamkeit geweckt haben. Er engagierte Kahn in Folge für Planung und Bau einer viergeschossigen Fabrik zur Massenfertigung des „Model T“, das zwischen 1909 und 1927 in einer Auflage von über 15 Millionen Stück in innovativer Fließbandfertigung produziert wurde. Bei den ab 1915 für Ford folgenden Planungen für den 1929 mit über 100.000 Werkern weltgrößten Industriekomplex am River Rouge, Detroit, entwickelte Kahn den traditionellen Geschossbau zu weitgespannten Flachbauten, jetzt vornehmlich in Stahlfachwerkkonstruktion, weiter.

Die von Kahn errichteten Industrie- und Verwaltungsgebäude lösten in den 20-er Jahren ein weltweites Interesse an der Arbeit des Architekten aus, mit Billigung der US-Regierung legten Kahn Ass. mit über 500 Werken die Basis der stalinistischem Industrialisierung. Die grundlegende Wandlungsfähigkeit dieser Werke, mit hohen Lastreserven und teilweise enormen Spannweiten von über 40 m, ermöglichten eine spätere Rüstungsfertigung gegen die deutschen Besatzer. Aus der in der ehemaligen U.D.S.S.R gelegenen Traktorenfabrik Cheliabinsk rollten zehn Jahre später T 34 Panzer der roten Armee. Während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten Kahn Ass. im direkten Auftrag des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt mit bis zu 600 Mitarbeitern an Flugzeug- und Panzerfabriken sowie an Marinestützpunkten, 2/3 des rollenden Materialnachschubs der amerikanischen Rüstung im Zweiten Weltkrieg kam aus seinen Fabriken. Albert Kahn starb am 8. Dezember 1942 im Alter von 73 Jahren in Detroit.

Albert Kahn gelangen in integraler Teamplanung Pionierleistungen in Stahlbeton, Stahl, Glas, Belichtung, Thermik, aber auch innovative Lösungen zur Büro- und Baustellenorganisation. Sein Verständnis des Industriebaus als eine „Leistungsform“, die Aspekte wie Nutzung, Spannweite, Flexibilität, Bauzeit, Belichtung, Fördertechnik, Energie, Klima und Wirtschaftlichkeit zu einer ganzheitlichen Antwort integriert, bot vielfache Anregungen für die Architekten des modernen Bauens in Deutschland und Europa. Er ist damit zweifellos der bedeutendste Industriearchitekt des 20. Jahrhunderts; erstaunlicherweise geriet er gerade in Deutschland in Vergessenheit. 2019 erschien mit Form Follows Perfomance- Albert Kahns Industriearchitektur die erste umfassende deutschsprachige Monografie, von seinem Geburtsort Rhaunen ausgehende Wanderausstellungen und die Idee einer Stiftung werden sein großartiges Andenken bewahren.

Quellen / Literatur

  • Th. Bürklin, J. Reichardt, Form Follows Performance, Albert Kahns Industriearchitektur, Birkhäuser, Basel 2019.
  • J. Reichardt, Albert Kahn, Stahlbau im Kontext der Moderne, Stahlbau Band 88, Ausgabe 4, S. 383- 392, Ernst und Sohn, Berlin 2019.
  • F. Bucci, Albert Kahn, Architect of Ford, Princeton Press, New York 2002.
  • G. Hildebrand, Designing For Industry, MIT, Massachusetts Institute of Technology Press 1974.
  • G. Nelson, The Industrial Architecture of Albert Kahn, New York 1939.

Prof. Jürgen Reichardt, Essen
Heft 172 | Stand: 11/2019