Christ, Hans

Hans Christ
* 03.08.1890 in Nieder-Gondershausen
† 29.03.1959 in Boppard
Vater: Anton Christ (Landwirt)
Mutter: Anna, geb. Schmoll

Biografie

Hans Christ wurde als Sohn eines Bauern und langjährigen Gemeindevorstehers in Nieder-Gondershausen, Kreis St. Goar, am 3. August 1890 geboren. Nach Besuch von Volks- und Mittelschule war er ab Oktober 1911 als Hilfsarbeiter beim Bürgermeisteramt Halsenbach beschäftigt. Unmittelbar anschließend erfüllte er seine Militär- und Kriegsdienstverpflichtung. Am 18. November 1918 kehrte er nach dem Ersten Weltkrieg in seine Vorderhunsrücker Heimat zurück.

Nach rund zweijähriger Tätigkeit als Verwaltungsangestellter beim Kreisausschuss St. Goar wechselte Christ zum 1. September 1921 zur Bezirksregierung Koblenz, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im gehobenen Beamtendienst beschäftigt war. Nach Berufung durch den St. Goarer Landrat leitete er im April/Mai 1945 die Geschäfte als Amtsbürgermeister in Brodenbach und wurde zum 6. Juni 1945 im Einvernehmen mit der amerikanischen Militärregierung zum Stadt- und Amtsbürgermeister in Boppard bestellt. Da er während des sog. Dritten Reiches keiner politischen Partei, sondern dem „Widerstandszirkel Brenner, Koblenz“ angehörte, fand er zunächst auch die Zustimmung der französischen Besatzungsmacht.

Recht schnell erfuhr er aber die Tragik der „Stunde Null“ am eigenen Leib: Der hochqualifizierte Verwaltungsfachmann musste während seiner vom 6. Juni 1945 bis 12. Februar 1947 dauernden „Bürgermeisterzeit“ weit über 500 Mal zu demütigenden Befehlsempfängen der französischen Ortskommandantur antreten. Ihm war die schier unerfüllbare Bürde aufgelastet worden, zumeist überzogenen und schikanösen Anordnungen Folge zu leisten und „bei seinem Volk“ immer wieder um Verständnis und Beachtung der Besatzungsanordnungen zu werben.

Die unbeschreiblich aufwendige Lebensmittelbeschaffung (sog. „Kartenwirtschaft“), die Versorgung der Bürgerschaft mit Brennholz, die Wiedereinführung und Ordnung des zuletzt ruhenden Schulbetriebs, die Rückübertragung zwangsenteigneter Immobilien und Ländereien des Bopparder Hospitals „Zum Heiligen Geist“, die Schlichtung von Streitigkeiten zwischen der Katholischen Kirchengemeinde Bad Salzig mit den Zivilgemeinden Bad Salzig und Weiler, die Vorbereitung der ersten Nachkriegswahlen und, und, und… – eine Aufgabenvielfalt, welche seine physischen und psychischen Kräfte aufzehrten.

Aufgrund seiner durchaus mutigen Zurückweisung einer unerfüllbaren Requisitionsforderung verurteilte ihn das Militärgericht Koblenz wegen „Sabotage am landwirtschaftlichen Anbauplan 1946/47“ zu sechs Monaten Gefängnis und 1.000 Reichsmark Geldstrafe. Diese Summe konnte er nicht zahlen, so dass die umgehende Beschlagnahme aller ersparten Mittel und des gesamten Hausrats die Folge waren. Die Familie lebte plötzlich in ärmsten Verhältnissen. Christ teilte sich eine winzige Gefängniszelle mit kränklichen Mitgefangenen, wo er sich eine schwere Tuberkuloseerkrankung zuzog, welche den auf 50 kg abgemagerten Ex-Bürgermeister für rund zweieinhalb Jahre ans Krankenbett fesselte.

Alle öffentlichen Ruhegehaltsgelder wurden obrigkeitlich gestrichen; die Kreisverwaltung bewilligte ihm nach unsäglichem Schriftwechsel letztlich auf „freiwilliger Basis ohne Rechtsanspruch“ eine bescheidene Rente, wodurch ihm bis zu seinem Todestag in Boppard am 29. März 1959 ein zumindest halbwegs „normales“ Leben ermöglicht wurde.

Quellen / Literatur

  • Geburtseintrag Standesamt Brodenbach Nr. 63/1890 (heute Standesamt Emmelshausen).
  • „Bürgermeister Christ zu Grabe getragen“, in: Rund um Boppard Nr. 14 vom 4. April 1959.
  • Jürgen Johann, „Bopparder Bürgermeister“, in: Rund um Boppard-Journal Nr. 26 vom 9. August 1996.

Jürgen Johann, Boppard
Heft 172 | Stand: 7/2019