
† 09.04.2010 in Mainz
Vater: Karl Ensgraber (Großherzoglicher Oberlehrer)
Mutter: Paula, geb. Schwarz
Biografie
Leopold Ensgraber – sein Zweit-Vorname August wurde zeitlebens „unterschlagen“; seine Eltern, Familie und Freunde nannten ihn allzeit zumeist nur „Leo“ – wurde am 5. August 1913 in Bingen geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte und den Schulbesuch mit dem Abitur am dortigen Gymnasium abschloss. An den Universitäten in Frankfurt, Gießen und Paris galt sein Studium der Fächerkombination Archäologie und alte Sprachen (Latein, Altgriechisch und Hebräisch).
Als frischgebackener Assessor wurde er 1939 zum Kriegsdienst eingezogen, den er vorwiegend in Polen, Frankreich und Russland erlebte und von welchem der vormalige Wehrmachtsoffizier im Jahre 1950 nach rund fünfjähriger russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Er gründete seinen Wohnsitz in der Hunsrückmetropole Simmern, wo er eine Anstellung als Fachlehrer am dortigen Gymnasium fand. Hier brachte er seinen Sachverstand erstmals in die Kommunalpolitik ein – einer „Berufung“ die dem überzeugten Freidemokraten im Laufe seines politischen Lebens langjährige Mandate im Stadtrat, Verbandsgemeinderat sowie Kreistag und deren Ausschüssen bescherte.
Eine besondere Verbundenheit galt einer vielfältigen Jugendarbeit, wobei sicherlich die in schweren Nachkriegsjahren mit viel Herzblut eingebrachte Beteiligung des späteren „Ehrenstammesführers im Stamm Raugrafen“ am Wiederaufbau der Hunsrücker Pfadfinderbewegungen hervorzuheben ist. Als ehrenamtlicher Kreisjugendpfleger fand er den Weg zum Kreis-, Landes- und Bundesjugendring und begleitete als Ideengeber federführend die Errichtung des Jugendzeltplatzes Schmidtburg im Hahnenbachtal bei Kirn.
Im Jahre 1959 wechselte er sowohl seinen Wohnsitz nach St. Goar wie auch seinen Dienstort ins gegenüberliegende St. Goarshausen, wo er fortan bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1979 am Wilhelm-Hofmann-Gymnasium, zuletzt als Studiendirektor und stellvertretender Schulleiter, beruflich agierte. Neben seinen pädagogischen Qualitäten blieb dort sein mannigfaches, letztlich erfolgreiches Engagement zur Standortsicherung in Zeiten, als der Fortbestand der Schule ernsthaft gefährdet war, unvergessen.
Höchste Verdienste erwarb sich der meisterhafte Rhetoriker Ensgraber sicherlich beim Internationalen Hansenorden in St. Goar. Keine Frage, dass das hochgeschätzte und weithin sicherlich auch wegen seiner annähernd stets guten Laune beliebte Ordensratsmitglied – zeitweise war er auch stellvertretender Hansenmeister – insbesondere durch seine zahlreichen Fachvorträge und -publikationen im Hansenblatt mitsamt seiner vielfältigen Verbindungen weit über die heimatlichen Grenzen hinaus wesentlich zum Ansehen der historischen Vereinigung beigetragen hat. Die „Chronik der Stadt St. Goar“ entstammt neben zahlreicher weiterer heimathistorischer Fachliteratur seiner Feder.
Als der Mitbegründer der agilen Künstlervereinigung „Die Treidler“ mit Eintritt in den Ruhestand die mittelrheinische Nachbarstadt Boppard als neuen Wohnsitz auserkor, bereicherte er im Herbst seines Lebens auch hier das kulturelle Leben. Nur beispielhaft sei an sein Engagement als Gründungsmitglied des Bopparder Weinkollegiums „Königliches Kelterhaus zu St. Remigius“, als Vorstandsmitglied des „Geschichtsvereins für Mittelrhein und Vorderhunsrück“ oder als Referent der Volkshochschule erinnert.
Die regelmäßigen „Klostermahle“ im Hotel Ebertor erfuhren ebenso wie die „Rittermahle“ auf Burg Rheinfels durch seine einzigartig vorgetragenen historischen Aufbereitungen erst die richtige Würze.
Neben zahlreichen weiteren Ehrungen wurde dem schier unermüdlichen Schaffer im Jahre 1970 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte der bis ins hohe Alter aktive, aber zuletzt doch gesundheitlich gezeichnete „Leo“ im Mainzer Haushalt von Sohn und Schwiegertochter. Hier in der Landeshauptstadt verstarb Leopold Ensgraber, im 97. Lebensjahre stehend, am 9. April 2010.
Der von seiner Familie ausgewählte Trauerspruch „Longa est vita, si plena est (Seneca)“ ist bezeichnend: „Das Leben ist lang, wenn es erfüllt ist!“
Quellen / Literatur
- Geburtsregister Standesamt Bingen, 1913.
- Heinz Mühl, „Leopold Ensgraber – 95 Jahre“, Hansenblatt St. Goar, 2009.
- Wolfgang Wendling, Nachruf „Leopold Ensgraber hinterlässt tiefe Spuren“, in: Rhein-Hunsrück-Zeitung vom 14. April 2010.
- Heinz Mühl, „Leopold Ensgraber verstorben“, in: Hansenblatt St. Goar, 2010.
Jürgen Johann, Boppard
Heft 183 | Stand: 5/2023
