
† 04.07.1962 in Simmern
Vater: August Fischer (Schlossermeister)
Mutter: Helene, geb. Räder
Biografie
Wut kannte Richard Fischer schon früh. Am 20. November 1895 als Sohn des Schlossermeisters August Fischer und seiner Frau Helene im Westerwald geboren, fragte sich Richard oft, warum seine Familie arm war. Oft hatte die Mutter nicht einmal Geld für eine ordentliche Mahlzeit. Zornig dachte er an die reichen Bauern, die bei seinem Vater Schlösser und Zäune bestellten und dann, wenn die Arbeit gemacht war, behaupteten, sie sei schlampig ausgeführt und das Geld nicht wert, das der Vater verlangte. Wie oft hatte der um seinen Lohn feilschen und sich oft mit weniger zufriedengeben müssen.
Nach sechs Schuljahren meldete der Vater seinen Sohn von der Schule ab. Schule, so sein Argument, könnten sich nur Reiche leisten, für einen Schlossersohn reiche aus, was er bis zur sechsten Klasse gelernt hätte. Die Zeiten waren schlecht, der Vater verdiente immer weniger und Richard erkannte, dass die Familie mit ihrer Schmiede keine Zukunft hatte. Er konnte den Vater schließlich davon überzeugen, dass in Essen, wo die Eisen- und Stahlindustrie saß, auch die Zukunft lag.
1912 zog die Familie nach Essen. Richard kam bei Krupp unter, seine Eltern eröffneten eine Gastwirtschaft. Doch an Richards Wut über die bestehenden Verhältnisse und seinem festen Willen, für eine bessere Welt zu streiten, hatte sich nichts geändert. Als er von Arbeitskollegen erfuhr, dass Alfred Krupp von seinen Untergebenen absolute Loyalität verlangte, die so weit ging, dass ein striktes Verbot der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft sowie der SPD galt, da erwachte der Widerstandsgeist in ihm. Er trat in die SPD ein. Doch die Quittung folgte. Ein Jahr nach seinem Arbeitsbeginn bei Krupp wurde er fristlos gekündigt. Ein Kollege hatte ihn angeschwärzt.
Richard ging nach Hamburg, wo er auf einem Frachtschiff als Heizer anheuerte. Dort erlebte er den Beginn des Ersten Weltkriegs, sein Ende 1918 und den Matrosenaufstand im selben Jahr. Richard ging nach Berlin, wo er sich als Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates der neugegründeten KPD in Berlin anschloss, um weiter für gerechte Verhältnisse zu kämpfen.
Kurz danach kam er 1921 mit einer Truppe von Elektromonteuren in den Hunsrück. In Simmern sollte die Stadt elektrifiziert werden. Richard aber hatte noch einen anderen Auftrag. Er sollte im Hunsrück eine Ortsgruppe oder einen Kreisverband der KPD aufbauen. Der Schulterschluss zwischen Stadt und Land, Arbeitern und Bauern sollte vollzogen werden.
In Simmern lernte er Regina, Tochter von Elisabeth und Adam Solzbacher, einem Schlossermeister, kennen. Das Paar heiratete und bekam drei Töchter. Richard blieb in Simmern und eröffnete zusammen mit Regina in der Koblenzer Straße einen Milch- und Lebensmittelladen. Daneben warb er weiter für die KPD und kämpfte ab 1930 gegen die NSDAP, die sich immer weiter ausbreitete. Die Rechnung für sein politisches Engagement folgte am 28. Februar 1933. Nur einen Tag nach dem Reichstagsbrand in Berlin stand die Staatspolizei aus Koblenz mit einem Haftbefehl vor seiner Tür, in dem stand, dass er „Zum Schutz von Volk und Staat und wegen Entfaltung kommunistischer Propaganda sofort in Polizeihaft zu nehmen“ sei. Man brachte ihn in das Zuchthaus Koblenz, wo er nach einem halben Jahr freigelassen, doch kurz darauf erneut verhaftet wurde. Beim zweiten Mal gelang es Richard zu fliehen. Er tauchte in den Wäldern Frankreichs unter.
1936 meldete er sich in Paris im Büro der Kommunistischen Internationalen (Komintern), um sich als Brigadist für den spanischen Bürgerkrieg anwerben zu lassen, General Franco wollte das Ergebnis der demokratischen Wahl in Spanien nicht anerkennen und putschte. Das Ende des spanischen Bürgerkriegs wurde 1938 besiegelt.
Richard floh nach Frankreich, wo er in einem Internierungslager in Argelès-sur-mer festgehalten wurde. 1939 entkam er wieder einmal und schlug sich bis ins Département Tarn durch, wo er als Mitglied der Résistance gegen die Besatzung kämpfte. Im Juli 1945 kehrte Richard Fischer zu Frau und Töchtern nach Simmern zurück.
Und immer noch hielt er an seinem Traum von einer kommunistischen Gesellschaft fest. Als Mitglied der KPD versuchte er sich 1948 bei der ersten freien Stadtratswahl mit vier weiteren Genossen wählen zu lassen. Doch die KPD bekam kaum Stimmern. „Friede den Hütten, Kampf den Palästen und Wohlstand für alle“ – daran glaubte noch immer keiner. Nach diesem Misserfolg zog sich Richard Fischer aus der Politik zurück.
Am 4. Juli 1962 starb er im Alter von 68 Jahren in Simmern, wo er auch beerdigt wurde. Zwanzig Jahre später, am 2. August 1982, folgte ihm Regina, seine Frau. Die Grabstätte wurde inzwischen aufgelöst.
Quellen / Literatur
- Monica Weber-Nau, Der Weg heimwärts, Zell 2023. (Rhein-Mosel-Verlag)
- Weitere Informationen und Textvorlagen von Monica Weber-Nau.
Monica Weber-Nau, Frankfurt am Main
Heft 187 | Stand: 9/2024
