
† 30.03.2011 in Even Yehuda (Israel)
Vater: Gustav Jakob Forst
Mutter: Berta, geb. Frank
Biografie
Hans Simon Forst wurde am 1. Oktober 1917 als Sohn des Kastellauner Viehhändlers Gustav Jakob Forst und seiner aus Laufersweiler stammenden Ehefrau Berta Frank geboren. Nach der Geburt des vierten Sohnes Kurt (1919) verstarb die Mutter. Die Großmutter Babette Forst, geb. Siegler, übernahm die Mutterrolle für ihre vier Enkelsöhne. Im Anschluss an die „Lateinschule“ in Kastellaun besuchte Hans das Gymnasium Simmern, wo er einer der besten Schüler war, wovon seine Zeugnisse und eine Kamera als Belohnungsgeschenk zeugen.
Diskriminierungen von Lehrkräften und Mitschülern entging er, indem er 1934 mit dem „Einjährigen“ die Schule verließ. Er wurde Zionist und schloss sich einer deutschen Jugendorganisation an, die Jugendliche für die harte landwirtschaftliche Arbeit im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina vorbereitete. Nach dieser Schulung floh Hans Simon schließlich vor dem NS-Regime nach Haifa und fand Unterkunft im Kibbuz Ayelet Hashachar im Malaria-verseuchten Hula-Tal nördlich des Sees Genezareth. Dort lernte er Gertrud (Lea) Sender aus Sötern kennen, die er bald heiratete. Seine drei Brüder konnten durch Flucht in die USA den Nazi-Terror überleben.
Der Kibbuz leistete seinen Beitrag zur „Jüdischen Brigade“, einer Einheit in der englischen Armee, die gegen Nazi-Deutschland kämpfte. Sechs Jahre lang diente Hans Forst als alliierter Soldat in Ägypten, Palästina, Belgien und Italien, bis er kurz vor Kriegsende bei Ravenna verwundet wurde. Nach Kriegsende traf er seinen Bruder Fritz in Kastellaun wieder, der in der amerikanischen Armee diente. Ihre schlimmsten Befürchtungen fanden sich dort bestätigt: Ihr Vater, dessen zweite Ehefrau Rosa, geb. Bär, ihre Stiefgeschwister Manfred, Bella und Hannelore und mit ihnen über 40 nähere Familienangehörige waren von den Nationalsozialisten in den verschiedensten Todeslagern ermordet worden.
Hans Simon Forst holte sehr schnell die fehlende Schulausbildung nach, beherrschte fünf Sprachen, arbeitete in einem Kuhstall und fuhr Milch in Tel Aviv aus. Nach dem Palästina-Teilungsbeschluss der UNO (1947) und während der Gründungsphase des Staates Israel wurde er einer der ersten Soldaten in der Zahal oder IDF (Israeli Defence Forces). Nach der Entlassung (1954) arbeitete er in einem Phosphatwerk und in den Kupferminen Timna in der Wüste Negev. Drei Töchter (Bilha, Irith und Ronnit) kamen zur Welt, bald zog die Familie in ein eigenes Haus in Zahala, sein Nachbar war der legendäre Moshe Dayan.
1970 flog er mit seiner Frau in die USA und sah seine drei Brüder Ernst, Fritz und Kurt zum ersten Male nach 35 Jahren wieder. Nach seiner Pensionierung schloss er ein Studium an der Universität Tel Aviv mit einer Magisterarbeit zum Landjudentum in Deutschland ab. Die Ergebnisse und seine Vorstellungen vom Altwerden publizierte er in Israel und den USA, er bezog später selbst ein altersgerechtes Seniorenzentrum in Even Yehuda, wo er auch 2011 starb. Bis zuletzt war er von einem Ausgleich und Frieden mit den Palästinensern überzeugt.
In den 1970er Jahren wollten die Brüder ihren ermordeten Angehörigen nun wenigstens in Kastellaun ein Denkmal errichten, doch dies wurde abgelehnt. Stattdessen errichteten sie eine Gedenktafel auf dem Grab ihrer Großmutter auf dem jüdischen Friedhof Kastellaun. Schüler der IGS Kastellaun nahmen 1983 Kontakt mit Hans Shimon Forst auf, er reichte seiner Heimatstadt die Hand zur Versöhnung. Eine Projektwoche zum Thema Judentum und Denkmale am jüdischen Friedhof und in der Eifelstraße wären ohne seine Mithilfe nicht zustande gekommen.
Er besuchte Kastellaun zu einer Zeit, als der jüdische Friedhof zum wiederholten Male geschändet wurde. Trotzdem kam er immer wieder in seine Heimatstadt, seine Töchter und alle Enkelkinder haben mehrfach den Hunsrück besucht, teilweise im Zusammenhang mit deutsch-israelischen Jugendbegegnungsmaßnahmen. Unzählige Hunsrücker haben ihn in Israel erlebt, das ergreifendste Treffen war sicherlich das Ständchen, das der Jugendchor „No Limits“ aus Kastellaun ihm spontan zum 91. Geburtstag 2008 in Israel brachte. Beim Besuch einer Studentengruppe im Herbst 2010 waren seine letzten Worte zum Abschied:
„Ihr Jugendlichen tragt die Verantwortung, damit so etwas wie im Dritten Reich nicht noch einmal passiert“.
Quellen / Literatur
- Christof Pies, Gemeinsame Erinnerung – Jüdische Überlebende des Nationalsozialismus begegnen Bürgern und Schüler ihrer Heimatstadt, Kastellaun 1991 (Kastellaun in der Geschichte, Bd. 1)
- Josef Peil, Streiflichter – Zeugnisse aus dem Leben der Stadt Kastellaun und ihrer Bewohner, Kastellaun 1996 (Kastellaun in der Geschichte, Bd. 4)
- Archiv des Herzog-Johann-Gymnasiums, Simmern
Christof Pies, Kastellaun
Heft 154 | Stand: 2/2014
